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Wie funktioniert Notfunk?

Hintergrund: Helfer von THW, DLRG, Feuerwehr und Bundeswehr kämpfen gegen die Flutmaßen in Magdeburg 2013

Amateurunk als Notfunk ist zwar weniger Intereßens- als Situationsbedingt, jedoch gab es oft schon Situationen, wo der Amateurfunk die BOS entlastet hat oder erst Menschenrettung möglich gemacht hat. Theoretische Möglichkeiten gibt es zwar viele, von Amateurfunksatelliten (AMSAT-Oscar) bis Richtfunk und Feldkabelbau, aber praktische Erfahrungswerte zeigen was wirklich geht... In Mitteleuropa kam es fast jedes Jahr zur Notwendigkeit des Notfunks, in Deutschland im großem Stil alle 5-10 Jahre:





Hier einige Katastrophen, Relevanz und Präventions-Lösungen im Detail:

2012: Erdbeben in Norditalien; Unmittelbar nach ersten Erdbeben in Emilia-Romagna am 20. Mai 2012 nahmen Funkamateure der nationalen Notfunk- und Freiwilligengruppe RNRE den Notfunkbetrieb auf, bis die kommerziellen Netze provisorisch wiederhergestellt wurden. Durch starke Nachbeben am 29. Mai 2012 wurden die Telefonnetze in vielen Städten erneut gestört und der Notfunkbetrieb wieder aufgenommen, auf Kurzwelle 7,060 MHz und VHF 145,200 MHz.

Deutschland liegt mitten auf einer tektonischen Platte, der Eurasischen Kontinentalplatte. Die nächsten Plattengrenzen, in deren Nähe die meisten der Erdbeben entstehen, sind weit entfernt. Doch allein die Lage schützt nicht vor Erschütterungen. Das stärkste jemals gemeßene Erdbeben in den USA fand 1811 mehr als 1500 Kilometer von der nächsten Plattengrenze entfernt statt. Und auch in Mitteleuropa hat es schon sehr starke Erdbeben gegeben. So wurde zum Beispiel die Schweizer Stadt Basel 1356 von einem verheerenden Beben mit Hunderten von Todesopfern heimgesucht.

Amateurfunkanlagen brauchen lediglich eine Antenne und eine Autobatterie und können so über tausende Kilometer ein bis 2 Tage Funkkontakt halten. Danach muß lediglich die Batterie gewechselt werden, was kein Problem sein dürfte, denn die Autos, die auf Erdbeben unbefahrbare Straßen fahren würden, können nur tanken, wenn die Pumpen der Zapfsäulen mit Strom versorgt werden, das Batterienangebot dürfte also mehr wie ausreichend sein. Somit gäbe es in jeder Stadt und vielen Dörfern die Möglichkeiten, Aufbauarbeiten und Notfälle parallel zu koordinieren.

2011: Nachdem Sturmtief Dagmar über Skandinavien gezogen war, waren rund 270.000 Schweden und Norweger von Stromausfällen und zusammengebrochenen Kommunikations und Stromleitungen betroffen. Rund 5.000 Funkamateure in Skandinavien nahmen den Notfunkbetrieb auf bzw. hielten sich in Bereitschaft.

Spätestens seit Sturmtief Kyrill und Orkantief Christian dürfte es auch klar sein, daß seit dem Klimawandel wir mit immer mehr verheerenden Naturkatastrophen hier rechnen müßen. Bei analogen Telefonnetzen ist es möglich, auch ohne Strom und Computer Doppeladern von Ortsvermittlungßtelle zu Ortsvermittlungßtelle aufzubauen oder bestehende einfach umzustecken und mit paßiven Telefonen und einer einzigen Zentralbatterie ganze Telefonnetze zu betreiben. Bei Feldtelefonen (Ortsbatterien) entfällt sogar die Notwendigkeit der Zentralbatterie komplett! Das ist bei unseren digitalisierten Netzwerk nicht mehr möglich: ohne Strom funktioniert kein Computer ergo auch keine Vermittlungsanlage, sogar alle Telefone (Schnurlos oder ISDN) heutzutage brauchen selbst einen Stromanschluß an die Steckdose! Somit wäre ohne Strom die meisten deutschen Haushalte tot und dank der Digitaltechnik wirklich jeder Haushalt im gesamten Ausfallgebiet absolut tot!

Amateurfunk wäre in diesem Fall, wie auch in Skandinavien die einzige Kommunikationsmöglichkeit neben analogem BOS-Funk, da Zugang zu letzterem nur den Behörden vorbehalten sind. Das digitale TETRA-Netz wäre dann nur solange brauchbar, wie der Digitalumsetzer in der Leitstelle mit Strom (Batterie) versorgt werden könnte, danach nur noch Funkkontakt über kurze Strecken im DMO-Modus möglich, aber nicht mehr mit der Leitstelle (TMO). Für die Alarmierung würde hier der Amateurfunk dienen: z.B. ein Funkamateur wird über einen Notfall in der Nachbarschaft informiert, funkt über UKW die Rettungskräfte an und informiert über Kurzwelle die Leitstelle. Das DRK hat bereits eigene Amateurfunkstellen mit eigenen Rufzeichen:
DRK Niedersachsen, Fachdienstbereitschaft Kurzwelle

2002: Hochwaßer Elbe; Bei Evakuierungen im Bereich Bitterfeld wird der Betreuungszug vom DRK Bernburg angefordert. Mit im Team sind sechs Funkamateure, die ihre privaten Funkgeräte mit in den Einsatz bringen. Der BOS-Funk war komplett überlastet und die Handynetze nicht brauchbar. Zwischen den vier Evakuierungßtellen, die teilweise mehrere Kilometer auseinander liegen, wird die Kommunikation fast außchließlich über das Amateurfunkrelais DB0WOF in Wolfen durchgeführt.

Durch den Anstieg der Meereßpiegel und zunehmenden Orkanen, steigen auch die überflutungen, nicht zuletzt 2015 in Dresden oder 2013 in ganz Mitteleuropa (vor allem tiefgelegene Täler in Bayern). Es ist also damit zu rechnen, das solche Beispiele wie 2002 an der Elbe nicht gerade seltener werden.

Digitaler BOS-Funk (TETRA) verhält sich wie das Handynetz (siehe oben), aber dem analogen Netz ist es "egal" welche Verschlüßelung oder Identifier man benutzt, es leitet einfach alles weiter, egal wo es herkommt. Genau wie Amateurfunk: wer auf der Welle ist, der wird gehört! Mit einem Notruf erreicht man also gleich mehrere Funkstellen gleichzeitig. Analoge Amateurfunkrelais gibt es in fast jedem Landkreis, bei digitalen Amateurfunkrelais (D-Star, C4FM, DMR) ist es ähnlich wie beim TETRA, zumal kommt noch hinzu, daß keine der digitalen Amateurfunkbetriebsarten abwärtskompatibel zu TETRA wäre um diese mit einzubinden im Notfall.

1999: Beim Lawinenunglück in Galtür (österreich) brach das Handy- und Telefonnetz zusammen. Die Zufahrt nach Galtür war wegen Lawinengefahr gesperrt. Viele Urlauber waren dort mit den Dorfbewohnern eingeschloßen. Um die Verbindung nach außen sicherstellen zu können, wurde am Abend eine Funkschiene über Amateurfunk hergestellt, zunächst über 80m, etwas später auch über das Zugspitzrelais auf 70cm, über drei Tage lief der Notfunkverkehr über das Zugspitzrelais

Lawinen sind zwar nur in Süddeutschland relevant, aber auch hier ein Beispiel dafür, wie schnell sich ein alternatives Kommunikationsnetzwerk herstellen läßt:

Eine Batterie, ein Transceiver und ein Mikrofon, eine Antenne z.B. ein Draht oder Kabel das 18,75m ist und an beiden Enden aufgehangen ist. Zwei solcher Drähte bilden sogar einen Dipol (eine vollwertige Antenne) = Bundesweiter Funkkontakt. Noch einfacher geht es dabei ein UKW-Relais zu "bauen": ein HFG in der Preisklaße von um die €100 (z.B. Wouxun KG-UV8D) kann sich als Repeater einsetzen laßen und muß nur noch auf einem Turm oder Mast platziert werden, mit 5W ein paar Stunden Dauerbetrieb oder Normalbetrieb 2-3 Tage möglich, danach Akku laden oder tauschen. Das Aschberg-Relais (DB0ZA) versorgt beispielsweise mit 10W ganz Schleswig-Holstein, mit einer Antenne 121m ü. NN. Weitere Relais:

1988: Als nach dem Unglück bei der Flugschau in Ramstein das Telefonnetz zusammenbrach, setzten Funkamateure über mobile und portable Stationen Notrufe ab, leiteten Nachrichten weiter, organisierten dringend benötigte Blutkonserven und überbrachten Angehörigen Nachrichten von überlebende. Im selben Jahr fand in Armennien ein schweres Erdbeben statt, es entsandte das THW eine Spezialeinheit mit einem Funkamateur, der Verbindungen zur Einsatzleitung und nach Deutschland aufnimmt. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) installiert in Armenien ein umfangreiches Kurzwellenfunknetz mit drei ortsfesten Stationen (Jerewan, Stepanavan und Leninakan) und stattet mehrere Einsatzfahrzeuge mit mobilen Kurzwellenanlagen aus. über diese Anlagen wird über einen Zeitraum von fast sechs Monaten die Verbindung zur Kurzwellenstation des DRK in Meckenheim-Merl – vorwiegend in der Betriebsart AMTOR – gehalten. Der Betrieb wird über die komplette Zeit durch DRK-Kurzwellenfunker, die häufig auch Funkamateure sind, aufrechterhalten.

Solche schweren Unfälle laßen sich schlecht prognostizieren. Hier wäre als intereßanter Punkt: Amateurfunk bei Humanitären Einsätzen im Ausland. Das THW und DRK sind häufig bei internationalen Kriesen tätig im Ausland. Internet und Telefon gibt es nicht überall, schon gar nicht dort, wo sich ein schweres Unglück ereignet. In diesem Beispiel ist die Praktische Anwendung und nutzen schon genannt, sodaß man hier nur eines vorschlagen könnte:

Warum eigentlich nicht in einem z.B. THW- oder DRK-Standort pro Bundesland eine Kurzwellen-Funkanlage? Hilfskräfte im Ausland wären zwar weit weg, aber trotzdem immer da, egal wo und immer auf dem Laufenden... Und sollte mal eine große Katastrophe hier paßieren, so kann man Telefon- und Stromnetz-unabhängig andere Rettungseinheiten aus anderen Regionen heranrufen. Wie hier in dem folgenden 2 Katastrophenfällen: 

1978: Bei der Schneekatastrophe in Schleswig Holstein am Sylvester 1978, als es zum Ausfall von Strom- und Telefonnetzen kam und sich heraußtellte, daß Hilfsorganisationen, Stromversorger, Bundeswehr und die damalige Bundespost aufgrund unterschiedlicher Funksysteme und Frequenzen nicht miteinander kommunizieren konnten. Funkamateure sprangen damals mit ihren zum Teil selbstgebauten Geräten in die Bresche und leiteten Nachrichten weiter, besetzten Leitstellen, Werkstattwagen, Hubschrauber und Panzer und ermöglichten die Koordinierung der Einsatzkräfte.

1962: Während der Hamburger Sturmflut 1962 hatten Polizei, Rettungs- und Hilfsdienste ihre eigenen Frequenzbereiche und waren nicht in der Lage, direkt miteinander zu kommunizieren. Funkamateure mit ihren durchstimmbaren Geräten konnten hier einfach aushelfen. Am Sonntagmorgen wurde im 9. Stockwerk des am Hauptbahnhof gelegenen Bezirksamtes im City-Hochhaus eine Feststation eingerichtet, beim Ortsamt Finkenwerder kamen eine Feststation und bei den beiden anderen Ortsämtern bewegliche Stationen zum Einsatz. über 400 Funksprüche weitgehend im 80-Meter-Band wurden im Laufe von 29 Stunden bis zum Montagabend abgesetzt oder empfangen, Hilferufe nach Medikamenten, nach Eßen und ärzten angenommen und weitergeleitet, Telegramme an Angehörige aufgenommen und Nachrichten an andere Behörden und Privatpersonen vermittelt.

Einige Zeit liefen alle Rettungskräfte und Polizei auf dem 4m BOS-Band, lediglich auf anderen Kanälen. Mal eben "rüberschalten" war kein Problem. Aber wie 1962 ist nun wieder das Problem: jeder hat wieder seinen eigenen Bereich, digital sogar jeder Funkverkehrskreis eine andere Verschlüßelung = keine Verständigung möglich, trotz gleicher Geräte. Polizei und THW auf TETRA, Bundeswehr auf TETRAPolBw oder UHF AM analog, und alle anderen auf BOS VHF, außer DLRG auf 155 MHz FM.

Eine Möglichkeit, alle miteinander zu verbinden wäre: Die Bundeswehr nutzt den 10m-FM-Bereich mit Funkamateuren (10m-Band) z.B. mit SEM25 oder SEM35, vorausgesetzt ein einziger BOS-Standort verfügt über eine Amateurfunkanlage (Antenne + Funkgerät) wäre das schon eine Möglichkeit (BOS, Militär und Zivilbevölkerung) miteinander zu kommunizieren. Untereinander Details zu koordinieren kann man dann wieder auf 2m VHF (Zivil/Amateurfunk), UHF AM (Bundeswehr) und 4m BOS (Katastrophenschutz/Rettungsdienste).

1953: Während der Flutkatastrophe von 1953 in den Niederlanden brachen durch das Zusammentreffen einer Springflut mit einem schweren Nordweststurm viele Deiche, 150 000 ha Land standen unter Waßer, über 1800 Menschen ertranken. Die Telefone waren tot, so fand die Kommunikation im überschwemmungsgebiet außchließlich über den Amateurfunkdienst auf der Frequenz 3,700 Megahertz in AM statt. Auszug aus einem Artikel der Notzeitung der PZC vom Dienstag, den 3. Februar 1953, „Und als das Telefon schwieg, gab es die Radio-Amateure. Durch sie erfuhr das Land mehr vom Ernst der Lage und der Katastrophe.“

Zwar liegt in Deutschland verhältnismäßig wenig Land unter dem Meereßpiegel, aber ob Schneekatastrophe, Erdbeben, Tornados (wie in Schleswig) oder Springflut gibt es eine Vielzahl an Situationen, wo andere Länder schon lange die Notwendigkeit zwischen einer unabhängigen Kommunikationsmöglichkeit als Schnittstelle zwischen Behörden und Bevölkerung sowie als eine Möglichkeit der BOS die eigene Kommunikation zu erweitern und zu entlasten erkannt haben:

Die Niederlande und Großbritannien reagierten mit der bis heute starken Einbindung von Funkamateuren in den Zivilschutz über die Notfunk-Organisationen RAYNET (Großbritannien) und DARES (Niederlande). 2009 fand in den Niederlanden die EU-übung FloodEx statt, bei der die übungslage der Katastrophe von 1953 nachgebildet war. Für Deutschland nahm das THW teil.

 

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